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Wenn in diesen Tagen in den Medien nicht gerade von Existenzbedrohungen gesprochen wird, dann wird über die Krise als Chance gesprochen. Dabei wird dieser Spruch so inflationär und oberflächlich benutzt, dass ich merke, dass es für viele Menschen eine Floskel wird, die sie zum Einen nicht mehr hören können und zum Anderen auch nicht glauben. Der Ausspruch „Krise als Chance verstehen“ wird mit einer Hoffnung gekoppelt, aber nicht immer mit Vertrauen und Zuversicht.

Aus Systemischer Sicht lässt sich jedoch gut herleiten, warum die Aussage, dass Krisen stets eine Chance darstellen, stimmt. Eine Chance für Veränderung, für Wandel und für das Öffnen neuer Perspektiven, für all das, was bis Mitte März 2020 undenkbar war.

Warum ist das so?

Schauen wir uns erst einmal an, was diese „Systemische Sicht“ eigentlich ist. Diese geht nämlich von der Betrachtung eines „Systems“ aus. Und ein System besteht stets aus einzelnen Teilen, die eben dieses System entstehen und existieren lassen. So entstehen viele kleine Systeme, die sich wiederum mit anderen Systemen im gegenseitigen Austausch befinden. Systeme beeinflussen sich also gegenseitig und sind in ihrer Funktion voneinander abhängig. Zur Veranschaulichung: ein uns bekanntes System ist unser Körper mit den Organen als Systemischen Anteilen, aber auch unsere Seele und unser Geist gehören dazu. Wir können z.B. nicht ohne Weiteres auf ein Organ verzichten. Fehlt ein Organ, dann müssen die restlichen Organe entweder den Ausfall des Einen kompensieren oder aber im schlimmsten Fall bedeutet der Ausfall eines Organs, den Tod des gesamten Systems. Ich bringe dieses Beispiel, weil sich auf dieser Ebene noch Jeder vorstellen kann, wie ein System funktioniert.

Noch komplexer geht es in der Wirtschaft zu und in unserem sich gegenseitig bedingendem Arbeitsleben. Aber im Grunde ist das Wirtschaftssystem ein grosser Körper mit sehr vielen Organen, die miteinander diesen grossen Körper existieren lassen. In diesem System wird eher prognostiziert, welches Organ systemrelevant ist und welches nicht. Das sind jedoch keine Wahrheiten, die in Stein gemeisselt sind, sondern persönliche Meinungen von Experten, die auf Erfahrungen oder bewussten Lenkungen beruhen.

Nun kommt die Krise. Was ist eine Krise?

Eine Krise ist ein Zustand, der die Funktionalität, wie sie gerade als „normal“ empfunden wird von der Gesellschaft, durcheinander bringt. D.h. das Zusammenspiel ist gestört. Mindestens ein wichtiger Systemischer Anteil funktioniert nicht mehr so, wie er bisher funktioniert hat. Der Rest der Systemanteile kann nicht mehr mit diesem ausgefallenen Anteil rechnen bzw. muss die Störung als systemrelevanten Anteil mit ins Spiel aufnehmen. Manchmal erfährt man erschreckenderweise für Manche überhaupt so, dass die systemrelevanten Anteile doch andere sind, als bisher angenommen. In der Corona-Krise wurden nach sehr langer Zeit mal wieder der Mensch und seine Gesundheit als solche systemrelevanten Anteile erkannt.

Was passiert gerade aus Systemischer Sicht?

Bildlich gesprochen ist es eine gross angelegte „Reise nach Jerusalem“. Es durften die Meisten dieses Kindergeburtstagsspiel mit den Stühlen kennen. In dem Spiel gibt es stets einen Stuhl weniger, wie es Kinder gibt. Die Kinder laufen um die Stühle und wenn die Musik aussetzt, dann müssen sie sich so schnell es geht, auf einen Stuhl setzen. Wer keinen Stuhl dabei ergattern kann, ist raus aus dem Spiel. Ich finde, dass dieses Kinderspiel für eine Krise, wie sie jetzt gerade stattfindet, zwar ein sehr vereinfachtes, aber verständliches Sinnbild ist.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten auf dieses Systemische Spiel zu schauen. Die Einen schauen aus der Sicht, dass es Verlierer gibt, die keinen Stuhl abbekommen, d.h. auf die Rezession für die bisherigen Stuhl-Inhaber. Die Anderen schauen aus der Chancensicht, sich jedes Mal einen anderen Stuhl einzuverleiben, der vorher von jemand anders besetzt war. Das ist Chancendenken.

Wie sah die Stuhlbesetzung vor der Krise aus?

Der Mensch war ein Werkzeug für die Wirtschaft und war nachrangig angeordnet, hatte also teils keinen festen Stuhl. Der Mensch war austauschbar. Die Natur litt, aber die Stuhlinhaber konnten es sich nicht leisten, auf das Klima Rücksicht zu nehmen, denn es ging letztlich um Dividenden und um Wirtschaftswachstum. Geld war an erster Stelle systemrelevant. Die Stühle waren also zum grössten Teil durch Grosskonzerne belegt und nur ab und zu gelang es einem kleineren Unternehmer einen Stuhl für sich neu zu besetzen. Dabei handelte es sich aber nur um natürliche Austauschprozesse und keine grösseren wirtschaftlichen Veränderungen. Diese sind nämlich aus volkswirtschaftlicher Sicht auch nicht möglich, denn es gibt keine Bereitschaft der Stuhlinhaber ihren Stuhl freiwillig frei zu geben. Dazu muss man sie zwingen, indem alle von ihren Stühlen aufstehen müssen.

Im Moment sitzt niemand fest auf einem Stuhl. Das ist eine ganz wichtige Tatsache, wenn Sie verstehen möchten, was mit dem Ausspruch „Krise als Chance verstehen“ gemeint ist. Anders als in dem Kinderspiel haben die Regierungen die Musik angehalten und bald wird sie wieder spielen und spätestens in diesem Moment gibt es die Chance, dass die Stühle ganz anders belegt werden. Dazu braucht es jetzt Visionen, die schon lange in Vielen schlummern und auch angegangen wurden, ohne sich jedoch vielleicht bisher fest etabliert zu haben, und Mut, diese umzusetzen. Z.B. indem Jeder von uns seine Systemrelevanz erkennt als Arbeitender, aber auch als Kunde und als Interessierter im Wirtschaftsgeschehen.

Es mag sein, dass viele kleine Unternehmen jetzt um ihre Existenz bangen, aber eben die ganz Grossen sind auch nicht mehr fest auf ihrem Stuhl, denn sie sind davon abhängig, dass der Mensch genauso wieder funktionieren wird, wie er bisher funktioniert hat. Das jedoch kann nicht mehr geschehen, denn der Shutdown hat zu lange, Gott sei es gedankt, gedauert. Wir wissen aus wissenschaftlichen Studien, dass jede Veränderung, die mehr als 21 Tage am Stück stattfindet, zu einer dauerhaften Veränderung wird.

Die Frage des Tages an Sie ist also:

Wie wünschen Sie sich jetzt die Welt nach Corona? Was ist Ihnen wichtig? Was sind Sie bereit dazu beizutragen, dass diese Veränderung stattfinden kann? Sollten Sie keine eigenen Visionen haben, die es umzusetzen gilt, dann überlegen Sie, wessen Visionen Sie jetzt tatkräftig unterstützen können, damit sich durch dessen Handeln die Welt zu der wandelt, wie Sie sie gern hätten. Die andere Möglichkeit ist, durch das persönliche sich Entziehen Dinge neu zu gestalten. Fangen Sie heute damit an, zu spüren, dass Sie wichtig sind in diesem komplexen Systemischen Spiel und nutzen Sie jetzt Ihre Chance der aktiven Mitgestaltung dieser Welt.